Pok ta Pok. Das Ballspiel der Maya
(Post-)Koloniale Behauptungen und performative Aneignungen auf dem Spielfeld der Macht
Hg, von Max Hinderer / Jens Kastner
Cover
Der Grundriss des Spielfeldes gleicht einem langgezogenem I oder H, das Feld in der Mitte wird flankiert von zwei schräg nach oben verlaufenden Rampen, die an einer Wand enden. In den meisten Fällen existierte sowohl reicher Ornamentschmuck sowie ein für das Spiel als wesentlich erachteter, steinerner Ring in der Mitte jeder Schräge. Ein solches Spielfeld, ohne Ringe und Schmuck, temporär auf dem Wiener Heldenplatz zu errichten, war die Idee, die diesem Buch zugrunde liegt.

Die Aufsätze dieses Bandes nehmen das Ballspiel zum Anlass für sozial- und kulturtheoretische Überlegungen, die von einem Kunstwerk im öffentlichen Raum ausgelöst werden können. Eine der zentralen Problemstellungen der herrschaftskritischen Diskurse um postkoloniale Theorie, Minimal Art, Gender Theorie und Soziale Bewegungsforschung durchzieht dabei die verschiedenen Beiträge: Die Frage der (kollektiven) (Selbst-)Behauptung gegenüber wirkmächtigen Behauptungen.

Die Beiträge:

Der Altamerikanist Peter Hassler demontiert den wohl gehüteten, kolonialistischen Mythos vom Menschenopfer bei den Maya. In seiner kulturhistorischen Untersuchung ordnet er das Ballspiel der Maya in seinen kultischen Kontext und verweist auf die schlichte Tatsache, dass ein Bezug des Ballspiels zum Menschenopfer »sich nirgendwo aus den schriftlichen Quellen herleiten« lässt. Seine These bekräftigt Hassler anhand der Interpretation verschiedener Maya-Reliefs. Während die Debatte um die Existenz des Kannibalismus, nicht zuletzt auf der Grundlage anti- bzw. postkolonialistischer Theorieentwicklung, seit beinahe drei Jahrzehnten geführt wird, »steht eine solche über das Tabu-Thema 'Menschenopfer' bis heute aus«. Die Kunsthistorikerin Sabeth Buchmann greift die minimalistische Formsprache der Skulptur auf und zeichnet die Diskussionen um das kritische Potenzial der historischen Minimal Art nach. Die lateinamerikanische Konzeptkunst erscheint dabei durch ihre Betonung devianter Subjektivität als Korrektiv für die zweifelhafte Verbindung von Minimalismus und Rationalismus. Die erweiterte Vorstellung von sozialer Revolution lateinamerikanischer KonzeptkünstlerInnen gründet laut Buchmann gerade auch in ihren Bezügen zu Populärkultur, Tanz und Spiel. Die Konfrontation von Minimal-Ästhetik mit dem traditionellen Ballspiel der Maya wird daher als Anlass betrachtet, »den Ort einer künstlerisch formulierten Hegemoniekritik dort zu vermessen, wo die HistorikerInnen der modernen Medienkultur Rationalität und Irrationalität, Zentrum und Peripherie zu Gegenspielern machen.« Der Soziologe und Geograph Olaf Kaltmeier greift das Motiv der Gewalt und ihrer Konzeptualisierung auf und nimmt das Skulptur-Vorhaben zum Anlass für gesellschaftstheoretische Überlegungen. In seiner Theoretisierung des Zusammenhangs von Gewalt und Raum formuliert er die These, dass der – in Anlehnung an die Begrifflichkeiten bei Manuel Castells so genannte – »Raum der Ströme« ein »globalisiertes Pok ta Pok, verstanden als Spiel auf Leben und Tod, ist.« Räumliche Dimensionen der Kapitalakkumulation spielen dabei ebenso eine Rolle wie neue Formen des imperialen Regierens. Dennoch bestehen auch unter neoliberaler Herrschaft Möglichkeiten von Subversion und Gegen-Verhalten, die Kaltmeier in Anlehnung an Michel Foucault und unter Aufgriff der Spiel-Metapher diskutiert.

Der Soziologe und Kunsthistoriker Jens Kastner diskutiert die Arbeit am kollektiven Gedächtnis als eine Strategie sozialer Bewegungen. Unter Rückgriff auf die theoretischen Ansätze von Stuart Hall und Pierre Bourdieu beschreibt er Praktiken der »Positionierung« als »wichtige Scharniere für gesellschaftliche Transformationen«. Dass diese Praktiken nicht nur theoretische Möglichkeiten sind, sondern bereits erfolgreich ausgeübt werden, zeigt Kastner am Beispiel der Kämpfe zweier Bewegungen im Süden Mexikos – der zapatistischen EZLN und des sich auf den Anarchisten Ricardo Flores Magón berufenden CIPO-RFM. Die Arbeit am kollektiven Gedächtnis findet als Teil der Auseinandersetzung um kulturelle Hegemonie statt.

Die Gender-Theoretikerin Elisabeth Tuider nimmt das Maya-Ballspiel zum Anlass, »dem Verhältnis von Inszenierung und normativen Zuweisungen nachzugehen«. Tuider beschreibt die muxé in Juchitán, Oaxaca/Mexiko, entgegen bisheriger Forschung als »dritten Geschlechterraum«, der sich neben den vermeintlich eindeutigen Zuordnungen Frau und Mann auftut. Zwar greift sie ebenfalls die Spielmetapher auf, macht aber deutlich, dass bei geschlechtlichen Inszenierungen immer um »die Aneignung eines von Macht und Konventionen durchdrungenen Raumes« geht.

Der Künstler und Kunsttheoretiker Max Hinderer diskutiert die Frage der (Un-)Möglichkeit »richtiger« und die Potenziale »falscher« Interpretationen von Kunstwerken. Er vertritt dabei die These, dass die westliche Kultur in ihrer Abarbeitung an inhaltlichen Interpretationen selbst ein Modell der Spekulation generiert hat, das Kunst ökonomischen Kriterien unterwirft. Wenn Kunst stattdessen Gabencharakter haben solle, so Hinderer in Anlehnung an Jacques Derrida, muss die »Intentionalität des Künstlers ausgeklammert und eine Hermeneutik durch eine 'Erotik der Kunst' (Susan Sontag) ersetzt werden«. Bericht in der ZEIT:
http://www.zeit.de/2006/13/Mexiko_3

© DIE ZEIT 23.03.2006 Nr.13

Der Tod geht in Führung

Pok ta Pok kannten schon die Mayas. Im Kulturprogramm der WM kommt das Ballspiel auch zu uns 
Von Jörg Burger

Der alte Dodge holpert über die Straße nach San Sebastian, er wirbelt roten Staub auf. Die Landschaft ist flach und weit. Am Steuer sitzt Martin Chavez, neben ihm seine Frau. Hinten die Söhne, Nichten, Neffen, Cousinen. Seine ganze Familie hat Chavez in den Dodge gepackt, 14 Leute, alle sind klein wie er, mit olivfarbener Haut; Mestizen, wie die meisten Mexikaner. Chavez biegt in die Einfahrt eines Andenkenladens ein. Er lächelt. Die Götter haben es bisher gut mit ihm gemeint.

Hinter dem Laden öffnet sich eine Rasenfläche. Sie ist von Agaven umstanden und auf einer Seite gesäumt von grob gemauerten Baracken. In der Mitte des Rasens liegt ein Rechteck, bedeckt mit Schotter und groß wie ein Volleyballfeld. Chavez steigt aus. Er ist 49 Jahre alt, die langen schwarzen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er schleppt Taschen, Plastiktüten auf den Rasen, lässt sich daneben nieder. Zieht sein gebügeltes Hemd aus und stattdessen einen bunten Lendenschurz an, dazu einen golden glitzernden Umhang. Um die Knie wickelt er Wildlederstreifen. Er reibt sich Farbe ins Gesicht, auf die nackte Brust, bindet Federn ins Haar.

Die ganze Familie kostümiert sich mit perlenbestickten Kostümen, Armbändern, Rasseln. Einige stellen Raubtiere dar, andere haben ihre Gesichter als Totenschädel bemalt. Wirklich furchterregend sehen sie nicht aus, denn alle Kleider haben sie aus billigem Material selbst genäht. Sie sind aus buntem Filz, Goldfolie; ein Leopardendress war mal eine Kunststoffdecke. Die Familie stellt sich vor den Agaven auf. Ein Foto wird gemacht. Ein Mann in Anzughose und polierten Schuhen tritt heran. »Der Tod hier vorn, bitte etwas ernster«, sagt er.

Der Mann heißt Adalberto Rodriguez. Seine Haare sind mit viel Pomade nach hinten gebürstet. Rodriguez leitet eine Reiseagentur in Mexiko-Stadt, 50 Kilometer entfernt von San Sebastian. Er kennt Martin Chavez seit Jahren, man kann sagen, dass er sein Entdecker ist. Chavez wird in seinem Auftrag an diesem Sonntagnachmittag ein Ballspiel aufführen, das schon die Azteken und Mayas gekannt haben sollen, ein uraltes Ritual. Im April werden Rodriguez und Chavez es in Deutschland zeigen, im Kulturprogramm der Fußball-WM.

Zur Person
Max Hinderer ist Autor und Künstler, er lebt in Hamburg und Wien.
Jens Kastner ist Lateinamerika-Experte und lebt in Wien.
Details zum Buch
125 S., € 22,-
Broschur mit Fadenheftung
ISBN 978-3-85132-469-3 [vergriffen]
EAN: 9783851324693
Letztes Update: 12.06.2018
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